01.2026 – Jahresbeginn 2026 – Zukunftsfähige Gebäude
Wahre Dauerhaftigkeit entsteht heute nicht mehr durch Unverrückbarkeit, sondern durch eine inhärente Anpassungsfähigkeit, die es einem Gebäude erlaubt, über Generationen hinweg zu atmen, zu wachsen oder auch zu schrumpfen.
Diese neue Ethik der Materie zwingt uns, die Ästhetik untrennbar mit der Herkunft ihrer Ressourcen zu verknüpfen. Eine „Schönheit“, die auf der Zerstörung von Ökosystemen oder dem Raubbau an Primärwäldern basiert, ist moralisch nicht länger haltbar. Stattdessen rückt eine Materialästhetik der Ehrlichkeit in den Vordergrund, die den Übergang vom bloßen Verbrauch zum bewussten Gebrauch markiert. Wir müssen uns als Leihnehmer der Natur begreifen, die Materialien nur temporär aus Stoffkreisläufen entnehmen. In dieser Logik erfährt auch der Bestand eine radikale Aufwertung: Jedes bestehende Bauwerk besitzt durch die in ihm gespeicherte graue Energie einen unschätzbaren ethischen Wert; sein Abriss käme einem ökologischen Verbrechen gleich. Parallel dazu muss der Suffizienz-Diskurs geführt werden, der die Frage nach dem „Genug“ stellt. Da technische Effizienz allein oft durch Rebound-Effekte zunichtegemacht wird, liegt die Antwort in einer Architektur, die durch Qualität, Licht und Proportion überzeugt, anstatt durch schiere Quadratmeterzahl. Das Gebäude transformiert sich so vom isolierten Objekt zum Teil eines lebendigen Organismus, der CO2 bindet, Regenwasser speichert und die Biodiversität aktiv fördert.
Um diese Reflexion in die Praxis zu überführen, bedarf es eines holistischen Handlungsmodells, das bereits in einer sogenannten „Phase Null“ beginnt. Noch vor dem ersten Entwurf steht die radikale Bedarfsprüfung: Können Umnutzungsszenarien den Neubau ersetzen? Wie resilient reagiert der Standort auf den Klimawandel der nächsten 50 Jahre? In der konstruktiven Umsetzung folgt das Prinzip des „Design for Disassembly“. Ein Gebäude sollte wie eine Montage aus demontierbaren Schichten funktionieren, bei der Tragstruktur, Ausbau und Haustechnik physisch so getrennt sind, dass Reparaturen keine Zerstörung anderer Systemteile nach sich ziehen. Anstatt Verbundstoffe zu verkleben, setzen wir auf reversible Fügetechniken – das Haus der Zukunft sollte im Idealfall mit einfachem Werkzeug rückbaubar sein.
Die Materialwahl verlagert sich dabei konsequent hin zu regenerativen Ressourcen. Durch den Einsatz biogener Stoffe wie Holz, Stroh oder Pilzmyzel wird das Gebäude zum aktiven Kohlenstoff-Speicher (Carbon Sink), während geogene Materialien wie Lehm für eine natürliche Feuchtigkeitsregulierung sorgen und unendlich oft wiederverwendbar bleiben. Ergänzt wird dies durch Strategien der passiven Intelligenz: Anstatt auf hochkomplexe, wartungsintensive Elektronik zu vertrauen, nutzt zukunftsfähiges Bauen bauphysikalische Prinzipien wie thermische Speichermasse und natürliche Thermik zur Belüftung.
Ein Gebäude ist jedoch nur dann wirklich zukunftsfähig, wenn es soziale Resilienz beweist – es muss von den Menschen geliebt und gepflegt werden. Dies gelingt durch Aneignungsfähigkeit und Räume, die bewusst „unfertig“ bleiben, um Raum für die Transformation durch die Nutzer zu lassen. Architektur wird so zu einem Werkzeug gegen die Einsamkeit, das soziale Schichten mischt und das Gemeinwohl fördert. Flankiert wird dieser Prozess durch ein digitales Gedächtnis: Mittels BIM und Materialpässen erhält jedes Bauteil eine Identität, die seinen Wert für künftige Kreisläufe sichert.
Fazit dieses Umdenkens ist eine neue Rolle des Architekten. Er ist nicht länger ein „Formenschöpfer“, der sich selbst ein Denkmal setzt, sondern ein Moderator globaler Stoffströme, ein Kurator des Bestands und ein Gestalter von Lebenszyklen. Zukunftsfähige Gebäude sind jene, die in 100 Jahren noch eine Funktion finden, ohne die Erde weiter zu belasten. Nachhaltigkeit ist somit kein optionales „Add-on“, sondern die fundamentale Grammatik einer neuen Baukunst.
Wir freuen uns darauf diese Herausforderungen 2026 gemeinsam mit unseren Bauherren, Partnern und Freunden anzugehen und wünschen ein gutes und gesundes Neues Jahr!
