12/2022 – Jahreswechsel 2022/23

Hinweis: In der Zeit vom 24.12.2022 bis einschließlich 08.01.2023 bleibt unser Büro geschlossen.

Wir wünschen Ihnen von Herzen fröhliche und erholsame Weihnachtstage und ein erfolgreiches, gutes und vor allem gesundes Jahr 2023! 

Die Kontinuität der Stadt

Von dem zu lernen, was uns umgibt, ist für den Architekten eine Form des revolutionären Avantgardismus. Hier ist jedoch nicht die übliche Art von Avantgardismus gemeint. Das übliche Verständnis wäre, wie Le Corbusier in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts vorschlug, Paris abzureissen und es neu wieder aufzubauen. Ein toleranterer Weg wäre es sich zu fragen, wie wir die Dinge wahrnehmen und welche Bedeutung sie für uns haben. 

Wenn wir nun erhebliche Teile unserer Städte betrachten, sind diese besetzt von Gebäuden aus der Zeit zwischen den vierziger und achziger Jahren des letzten Jahrhunderts und geprägt von Planungkonzeptionen jener Zeit. Das Geplante und Gebaute wird zum ausgefransten Rand hin immer unklarer, unbeständiger, kälter und vor Allem banaler. Die uns durch die historischen Innenstädte bekannte Kontinuität löst sich immer mehr auf. Das bauhistorische Gedächtnis und die Zusammenhänge dieser werden zunehmend lückenhafter. 

Die Kerne der Städte sind von einer dicken Schicht zähen Breis umgeben, durch den der Ankommende sich hindurch bewegen muss. Wenn man vom Zentrum einer Stadt die endlosen Randzonen durchquert, stellt man fest, dass diese jeder Qualität entbehren, minderwertig und banal geworden sind. Sie legen sich wie im Würgegriff um die Stadt und bewirken einen kulturellen und erlebnisfreien Raum. 

Man nennt diese Stadträume auch einfach nur Peripherie. In dieser sind weltweit Milliarden von Menschen untergebracht. Lauter „freiwillige Gefangene von Arealen, deren Gleichförmigkeit die Gleichförmigkeit ihrer Einwohner zur Folge hat“ wie es Günter Kunert einmal schrieb. In den Orten der Peripherie ist alles nah. Der Arbeitsplatz, der Kindergarten, die Schule, der Supermarkt und das Einkaufszentrum. Sogar das Land ist in Reichweite. Sie ist ein multifunktionaler Ort, eigentlich die planerische Vorstellung einer besseren Stadt. Diese Ränder der Stadt sind nicht missglückt, sondern eine optimale Umsetzung der Idee, die herkömmliche Stadt den differenzierter geworden Bedürfnissen einer sich entwickelnden Menschheit anzupassen. Aber wir haben es nicht geschafft, etwas Zustande zu bringen was den Qualitäten der alten Städte nur annähernd entspricht. Das Neue nimmt in seiner Erlebnisleere im Grunde genommen nur funktionale Notwendigkeiten auf. Ein Weiterbauen der Stadt als „Funktionseinheit“. 

Hierbei spielte auch das Zusammenwirken Vieler eine nicht unwesentliche Rolle. In nicht unerheblichem Masse sind Laien, welche im demokratischen Sinne für städtebauliche Entwicklungen mitverantwortlich sind, am Entscheidungsprozess beteiligt. Eine doch erhebliche Anzahl von Menschen, denen oft nicht bewusst ist, dass sie bei der Raumgestaltung mit entscheiden, welche gestalterische Lebensqualität der städtebauliche Raum erhält und ob dieser ansehnlich und attraktiv ist. 

Der städtebauliche Kontext hat sich grundsätzlich über Jahrhunderte als eine Art architektonischer Darwinismus gebildet, eine Formensprache „gemeinsamer Bilder“, die sich bewährt haben. Eine lange Zeitspanne hinweg haben sich diese Bilder kaum gewandelt und dies in wesentlich geringerem Masse als Institutionen und Lebensweisen. Sie waren Muster und Praktiken, die sich über Jahrhunderte kuntinuierlich entwickelt haben und sich als tragend erwiesen. Diese können wir in einer toskanischen Kleinstadt ungestört bewundern. Strassen und Plätze die sich durch bauliche Strukturen bilden. Hier wurde der öffentliche Raum nicht aufgegeben. Strassen und Plätze bilden eine Einheit, die Lebensräume definieren und nicht nur Verkehrsräume sind. Sie bewegen sich jenseits einer Utopie, die alle Städte nach einem universalen und internationalen Muster gestalten wollen. 

Wir müssen den Bezug zum Ort, zur gewachsenen baulichen Qualität unserer Städte wiedergewinnen. Ein urbaner Realismus sollte das Weiterbauen der Städte bestimmen. Unter einem urbanen Realismus ist eine Baugestaltung der Kontinuität und der Üblichkeiten zu verstehen. Das ist eine Skepsis gegenüber dem Ruf nach radikalen Positionen, eine Verteidigung von Kontrasten und Vielschichtigkeiten und eben auch nicht zuletzt das Festhalten an einer moderaten Modernisierung. Dieser Realismus von Weiterbauen illustriet das stilpluralistische Gesicht der Stadt, welches zum einen kein heilloses Durcheinander und zum anderen kein baukünstlerisches Artefakt darstellt. Dies integriert die neuen architektonischen Gebilde nach dem Prinzip eines motivischen Ensembles in die bestehenden Orte. Es versöhnt die vertraute Wirklichkeit der Stadt mit dem Neuen.  Bauliche Traditionen werden nicht einfach im Stich gelassen, sondern finden sich in Neuen wieder. Ideologien, die mit einer grossen Geste aufwarten, sind hierbei getrost obsolet.

Was lässt sich hieraus für die Orte, die Gesellschaft und die Menschen erkennen? Die Verantwortlichkeit gegenüber der gebauten Umwelt und deren Kontinuität trotz immer geringer werden den Spielräumen, soll den einzelnen Baustein der Stadt, den man für das Ganze erbringt zwar pluralistisch, aber eben auch der Qualität des Lebensraums verpflichtet sein. Politische und gesellschaftliche Anliegen und Haltungen sind wichtig, sind aber nicht in direkter Weise mit der Gestaltung von Architektur und städtebaulichen Haltungen in Verbindung zu bringen. Die Stadt als sozialer und kultureller Lebensraum hingegen ist für viele gemeinsamer Ausgangspunkt und Referenz für eine nachhaltige bauliche Entwicklung. 

Der Architekt Roland Rainer formulierte dies in zwei kurzen Sätzen so: „Wir müssen daran denken, dass wir nicht nur Häuser bauen. Wir müssen wissen, dass wir eine Welt bauen“.

– Muffler Architekten –